WINDVÖGEL
 

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Prolog

 

Ein unfreundlicher Wind blies von Westen. Es war nasskalt an diesem Morgen des 4. April. Die Temperaturen stiegen kaum über vier Grad. Hier und da waren die braungelben Wiesen des Hochsauerlandes noch mit Schnee bedeckt. Dazu heulte ein kühler Sturm, der die Sehnsucht nach einer warmen Wohnung aufkommen ließ.

         Die Frau in dem dunkelblauen Wollmantel blieb am Rande des Bürgersteigs stehen und wartete, bis der Linienbus nach Winterberg, der Kleinstadt im Hochsauerland, an ihr vorbeigefahren war. Sie beneidete die Fahrgäste nicht. Obwohl die Strecke Frankenberg-Bestwig mehrmals am Tag gefahren wurde, war der Bus wie immer überfüllt, und die Männer und Frauen hockten oder standen eng zusammen, als müssten sie sich wärmen. Dabei war es im Inneren ganz sicher nicht nur entsetzlich warm, sondern auch stickig. Die Fenster waren geschlossen, und niemand würde es wagen, den Fahrer bei dieser Witterung zu bitten, sie zu öffnen.

         Die Frau wusste, wie das war. Jahrelang war sie selbst in den Bus gestiegen, um mit vielen anderen über Olsberg nach Brilon zur Arbeit zu fahren.

         »Morgen, Ello«, sagte jemand.

         Sie drehte den Kopf. Der Mann, der mit langsamen Schritten an ihr vorbeischlurfte, nickte müde. Sie kannte ihn flüchtig. Er arbeitete bei dem Schreiner am Ende des Dorfes.

         Immerhin nannte er sie Ello und nicht Eleonore. Sie hasste ihren Namen. Was hatten sich ihre Eltern nur dabei gedacht, sie so zu nennen?

         »Morgen«, erwiderte Ello und wollte ein paar Worte mehr sagen, aber dann schwieg sie. Kaum jemand hatte so früh am Morgen Lust zu einer Konversation. Das kleine Dorf Züschen im Hochsauerland erwachte erst langsam.

         Die Rücklichter des Busses verschwanden in Höhe des alten Ehrenmales in einer Kurve, und Ello überquerte die Hauptstraße. Seit ihr Chef seine Firma im letzten Herbst von Brilon nach Züschen verlegt hatte, konnte sie zu Fuß zu ihrer Arbeit gehen.

         Sie hatte noch Zeit und überlegte, ob sie der Hauptstraße folgen, um dann nach knapp einem Kilometer durch die Schützenstraße am Hotel Sonnblick vorbei den Berg hinaufgehen sollte. Die Schützenstraße verlief lang gezogen, aber sanft bergan. Allerdings würde das einen großen Umweg für sie bedeuten. Deshalb entschied sich Ello für die kürzere Strecke, direkt zur Hardt hinauf, obwohl diese Straße recht steil und beschwerlich war.

         Fröstelnd schlug Ello den Kragen ihres Mantels hoch. Dabei warf sie wieder einen Blick auf ihre Uhr. So früh war bestimmt noch niemand in der Firma.

         Sie seufzte. Seit Wochen schon litt sie an Schlafstörungen. Schlaftabletten wollte sie nicht nehmen, dann doch lieber ab und zu einen kleinen Schluck Likör. Der beruhigte zwar, brachte aber auf Dauer auch keinen erholsamen Schlaf. Sie hatte Angst, zur Alkoholikerin zu werden. Bekannte gab es genug, die mit einem winzigen Likör angefangen hatten und nun nicht mehr vom Alkohol lassen konnten.

         Ello zog den dunkelroten Schal fester um den Hals und tastete nach ihrem Dutt, um zu prüfen, ob er noch richtig saß. Die Sorge war unbegründet. Seit sie ihr Haar zusammenband, hatte sich der Knoten noch nie gelöst. Die strenge Haartracht ließ Ellos Gesicht jedoch älter wirken. Im Herbst hatte sie ihren vierundvierzigsten Geburtstag gefeiert. Allein, wie seit Jahren. Sie hatte keine Freunde, nur ein paar flüchtige Bekannte in Züschen, die sich jedoch ihrer Gesellschaft wegen ihrer unvorteilhaften Kleidung schämten, wie sie einmal zufällig mit anhören konnte. Danach hatte sie eine Zeit lang engere Röcke und modische Blusen getragen, aber die waren ihr so unbequem, dass sie bald wieder in ihre alte Gewohnheit zurückgefallen war. Auch jetzt trug sie zu dem dunkelblauen Wollmantel ein Paar einfache flache Schuhe. Die schwarze Tasche unter ihrem Arm, in der ein Frühstücksbrot und eine Kanne mit warmem Wasser für die Zubereitung ihres Kamillentees steckten, war allerdings neu.

         Bis auf einige weitere Berufstätige, die ihr entweder zu Fuß oder im Wagen entgegenkamen, war an diesem Morgen nicht viel los. Ein paar Männer schaufelten die letzten kümmerlichen Schneereste zur Seite, ein Zeitungsbote lief von Haus zu Haus, und drei Schüler stiegen mit ihren Ranzen in einen PKW-Kombi.

         Ello kreuzte den Karl-Hahne-Weg, die Mittelstraße und die Blumenstraße und bog auf der Höhe nach rechts in die Schützenstraße ab, um sich gleich wieder nach links auf den kleineren unebenen Weg »Hinter der Hardt« zu begeben, der direkt auf ein einstöckiges rechteckiges Gebäude mit einem großen Parkplatz zuführte. Hier arbeitete sie als Büroangestellte.

         Alles war ruhig, die Fensterläden ordnungsgemäß geschlossen.

         Sie nahm den Schlüssel aus der Tasche, schloss die große Eingangstür auf und trat in die etwa vier Meter breite und ebenso lange Diele ein, in der es dunkel war, weil es keine Fenster gab. Ello betätigte den Lichtschalter. Rechts von ihr wies ein Schild auf das Büro hin. Links befand sich eine breite Doppeltür, an der in noch größeren Lettern das Wort »Lager« stand, und geradeaus führte eine weitere Tür zu einem Verpackungsraum, wie auf dem Hinweis an der Wand zu lesen war. Während die Bürotür aus massivem, weiß lackiertem Holz war, bestanden die beiden anderen Türen aus Metall und waren scheußlich grau gestrichen.

         Ello wollte gerade das Büro öffnen, als sie bemerkte, dass die Tür zum Verpackungsraum nicht geschlossen war. Sie schwankte hin und her, vermutlich von einem Windstoß, der durch die Lüftungsschlitze pfiff, die überall angebracht waren. Die Scharniere quietschten leise bei jedem Schwingen, und einen Augenblick lang wunderte sich Ello, warum die Tür nicht gegen den eisernen Rahmen prallte.

         Zwei Füße hinderten die Tür am Zuschlagen.

         Ello runzelte die Stirn. Die Schuhe kannte sie. Kurt Lamberg trug solche ausgetretene schwarze Slipper.

         Sie stieß die Tür auf und blieb abrupt stehen.

         Der Mann vor ihr lag auf dem Bauch. Sein Kopf war leicht zur Seite gedreht, und sein Mund berührte den eiskalten, grauen PVC-Boden.

         Als sie sich bückte, streifte ihr dunkelroter Schal über den Boden. Überrascht stellte Ello fest, dass der Schal dieselbe Farbe wie der Fußboden hatte. In der nächsten Sekunde fuhr sie erschrocken zurück. Unter Kurt Lambergs Kopf hatte sich eine dunkle Flüssigkeit ausgebreitet.

         Ello wusste sofort, dass der süßliche, unangenehme Geruch, der ihr unvermittelt in die Nase stieg, nur Blut sein konnte.

         Sie stieß einen erstickten Schrei aus, und ihr Herz drohte auszusetzen, als jemand durch die Eingangstür hereinkam.