ZEIT DER SÜHNE

 

In der aufkommenden Dämmerung waren die beiden Personen unter den Bäumen fast unsichtbar. Wie Kletten hielten sie sich umklammert. Der Mann war einen halben Kopf größer als die Frau, sein Gesicht lag auf ihrem Haar. Daher konnte sie seine ironisch nach oben gezogenen Mundwinkel nicht sehen. Sein Lächeln war fast zynisch und ein wenig selbstgefällig. Er wusste, dass er gewonnen hatte, und diese Gewissheit bestärkte ihn in seinem Vorhaben.

Sanft aber bestimmt löste er sich aus der Umarmung und stieß sie ins weiche Gras. Sie war so geil auf ihn, dass sie diese fast brutal wirkende Handlung sogar noch als liebevoll hinnahm. Sie hatte es doch geradezu herausgefordert, dass er so mit ihr umging. Vor weniger als fünf Minuten erst hatte sie ihn mit ihren kleinen Fäusten in die Seiten geboxt, ihm ein Bein gestellt und schallend gelacht, als er stolperte. Warum also sollte er sich nicht auf die gleiche Art und Weise revanchieren?

Sie blieb erwartungsvoll auf dem Rücken liegen. Erst als er sich über sie beugte, stieg ihr der Geruch von frisch gemähtem Gras unangenehm in die Nase.

»Ich will meinen Rock nicht schmutzig machen«, raunte sie. »Lass uns gehen.«

»Hier ist es doch schön«, erwiderte er mit einer sanften, einschmeichelnden Stimme, die ihr wie immer unter die Haut ging.

»Aber ...«

Er drängte sich an sie, und sie spürte wieder seine Erregung, die auf sie überfloss wie der Strom einer elektrischen Leitung. »Jeder Ortswechsel ist ein Stimmungsbruch.«

»Ich weiß, aber das Gras macht Flecken auf meinen Rock. Er war zu teuer, um ihn zu ruinieren.« Sie lachte verhalten, während sie ihm zwischen die Beine griff. »So lange wirst du es noch aushalten können. Ich kenne ein Hotel. Dort sind wir ungestört.«

Er runzelte die Stirn. Diese Änderung passte nicht in seinen Plan. »Na gut«, sagte er schließlich zögernd, weil er merkte, dass er sie nicht umstimmen konnte.

Sie benötigten nur eine Viertelstunde mit ihrem Wagen, aber es wurden die längsten Minuten ihres Lebens.

Er ging sofort zur Treppe im Hintergrund der Hotelhalle, wo es dunkel war, weil die unterste Lampe nicht brannte. Von dort sah er ihr zu, wie sie das Anmeldeformular an der Rezeption mit zitternden Fingern so rasch ausfüllte, dass vermutlich niemand ihren Namen entziffern konnte.

»Komm!«

Sie stand neben ihm, griff seine Hand und zog ihn im Laufschritt die Treppe hinauf. Das Zimmer befand sich in der ersten Etage gleich neben dem Treppenabsatz. Hastig schloss sie die Tür auf, und noch bevor sie wieder vollständig hinter ihnen zugefallen war, hatten sie schon ihre Kleidung ausgezogen.

Splitternackt tanzten sie im Zimmer umher, bis sie auf das breite Bett sanken. Noch nie hatte sie solche Lust auf ihn gehabt wie in diesem Moment. Die Vereinigung mit ihm war perfekt und wunderschön. Erst danach merkte sie, dass er ein Kondom benutzt hatte.

»Du warst gut«, flüsterte sie.

Er antwortete nicht, er wusste es wohl selbst. Seine Arroganz trieb ihr den Zorn auf die Stirn. Wie oft hatte sie jetzt mit ihm geschlafen? Fünfmal? Zehnmal? Ach – es spielte doch keine Rolle.

Sie kuschelte sich an ihn, und Minuten später war sie eingeschlafen.

 

Sie erwachte und wunderte sich, dass es bereits hell war. So lange hatte sie das Hotelzimmer eigentlich nicht benutzen wollen. Der Platz neben ihr war leer, aber aus dem Bad hörte sie Geräusche. Blinzelnd schaute sie zur Uhr. Es war kurz nach fünf am Morgen.

Nach zehn Minuten kam er aus dem Bad. Gleich würde er sie erneut lieben, sie von einer Ekstase in die andere treiben, aber diesmal wollte sie es ohne Kondom. Erwartungsvoll streckte sie ihm ihre Arme entgegen.

Der Schmerz kam völlig unerwartet und so heftig, dass sie einen Moment lang nach Luft rang. Ihre Hände fühlten sich an wie in einem Schraubstock, und ehe sie überhaupt begriff, was geschah, hatte er ihre Handgelenke und ihre Fußknöchel mit einem harten Strick fest zugeschnürt.