Meine Kurzromane
 

 

 
In den achtziger Jahren begann ich mit meinen ersten Kurzromanen, die sogleich von einigen Zeitschriften veröffentlicht wurden. Inzwischen sind es ca. 60 geworden. Hinzu kommen zwei Fortsetzungsromane von je acht Folgen.
 

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Hier ein Kurzromanbeispiel:

 

 

Jochen Lehmann schaute auf die Uhr. Er war spät dran an diesem Morgen, und er musste sich beeilen, rechtzeitig im Gerichtsgebäude zu sein. Sein Vorgesetzter hasste Unpünktlichkeit.

„Hallo! Hallo!“

Die helle Stimme drang laut über den Platz. Jochen Lehmann benötigte einen Moment, bis er begriff, dass er gemeint war. Er kniff die Augen zusammen und sah zur gegenüberliegenden Straßenseite. Dort stand neben einem weißen Wagen eine junge, schwarzhaarige Frau. Sie winkte zu ihm herüber.

Obwohl er in Eile war, ging Jochen auf sie zu.

„Ich dachte schon, Sie würden mich niemals bemerken.“

Jochen betrachtete sie. Er schätzte sie auf Mitte zwanzig, und sie war sehr hübsch. Aber er konnte sich nicht erinnern, sie jemals gesehen zu haben. „Kennen wir uns denn?“

„Nein, nein. Es ist auch nicht meine Art, jemanden auf diese plumpe Weise anzusprechen, aber ich brauche Hilfe. Ich habe mich verfahren. Ich bin schon zum vierten Mal an diese Kreuzung gekommen. Ich glaube, halb München besteht nur aus Kreisverkehr.“

„Wohin wollen Sie denn?“

„Ich suche die Autobahn nach Frankfurt.“

„Haben Sie eine Karte?“

„Im Handschuhfach.“

Ohne nachzudenken, öffnete Jochen die Beifahrertür und setzte sich.

„He, was soll das?“, fragte sie. „So war das nicht gemeint.“ Ein Hauch von Panik erschien in ihren blauen Augen. Jochen bemerkte es und lächelte beruhigend.

„Sie brauchen keine Angst vor mir zu haben“, sagte er schnell. Er deutete zu einem großen Gebäude auf der gegenüberliegenden Seite. „Sehen Sie das? Das ist das Gerichtsgebäude. Dort arbeite ich. Ich bin Staatsanwalt.“ Er stellte sich ihr vor.

Sie entspannte sich sogleich, lächelte sogar zaghaft. „Dann habe ich aber Glück. Ich hatte Sie schon auf der falschen Seite des Gesetzes vermutet. Ich heiße Sabine Kemper.“

Sie reichte Jochen die Hand.

„Sie wollen also nach Frankfurt?“

„Nach Hamburg. Morgen abend muss ich dort sein.“

„So lange brauchen Sie aber nicht.“

„Ich weiß. Ich habe vor, unterwegs zu übernachten.“

„Schade, ich hatte gehofft, Sie würden hier übernachten, und ich könnte Sie zum Essen einladen.“ Er wusste selbst nicht, warum er das sagte, es rutschte ihm einfach heraus.

Ihre Natürlichkeit war auch sofort wie weggewischt. „Sie meinen wohl, jede Gefälligkeit müsste mit einer Gegenleistung belohnt werden? Dann vergessen Sie mein Anliegen. Steigen Sie bitte aus. Ich werde jemand anderen fragen.“

„Entschuldigen Sie. So war es nicht gemeint. Also zur Autobahn nach Frankfurt ist es ganz einfach...“

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Wenig später war Jochen im Gerichtsgebäude. Der Oberstaatsanwalt war noch nicht da. Er hatte sich also auch verspätet. Als junger Staatsanwalt wurde Jochen oft als sogenannter Springer eingesetzt, und heute musste er einen Fall von Beamtenbeleidigung verhandeln. Es waren meistens einfache Menschen, mit denen er es zu tun hatte, die mehr oder weniger durch Zufall mit dem Gesetz in Konflikt geraten waren. Aber Jochen musste seine Pflicht erfüllen.

Jochen verfolgte die Verhandlung nur flüchtig. Er hatte gute Laune, und er wusste, dass dies mit der Begegnung mit Sabine Kemper zusammenhing. Sie war wie ein stürmischer Morgenwind in sein Herz gefahren, und sie ging ihm nicht mehr aus dem Kopf.

Nach der Verhandlung, die auf Jochens Antrag hin mit einem Freispruch für den Angeklagten endete, hatte er einen Termin mit dem Oberstaatsanwalt.

„Herr Lehmann, bitte nehmen Sie Platz.“

Warum so förmlich?, dachte Jochen. Das war doch sonst nicht die Art des Oberstaatsanwaltes. Überhaupt schien er Jochen gegenüber viel freundlicher und jovialer zu sein als bisher. Natürlich war er Jochens Vorgesetzter und musste schon deshalb Distanz wahren, aber manchmal hätte sich Jochen schon mehr Kontakte und Ratschläge gewünscht.

„In der Zeit, in der Sie nun bei uns sind, Herr Lehmann, habe ich Sie beobachtet und als tüchtigen Anklagevertreter kennengelernt“, begann der Oberstaatsanwalt.

„Danke.“

„Sie stehen für Recht und Ordnung ein, können aber auch sehr gut differenzieren und Gnade vor Recht walten lassen. Ein junger Anwalt hat es immer sehr schwer, besonders bei ausgefuchsten Verteidigern, aber Sie sind auf dem richtigen Weg. Wie Sie wissen, findet im nächsten Monat eine Tagung in Kiel statt.“

Jochen nickte.

„Wir hatten uns bisher noch nicht auf alle Teilnehmer geeinigt, aber nun sind wir zu dem Entschluss gekommen, dass auch Sie dazu gehören sollen.“

Jochen schluckte. Das war eine Auszeichnung, die ihm deutlicher als alle Worte zeigte, dass man mit seiner Arbeit zufrieden war.

„Wir werden in den nächsten Tagen alles noch einmal miteinander durchgehen, Herr Lehmann. Ich nehme an, Sie freuen sich?“

„Aber natürlich...“ Jochen war immer noch sprachlos, und ein wenig hölzern stand er auf und verabschiedete sich rasch.

Er ging in sein Dienstzimmer, warf die Robe auf den Kleiderhaken und holte das Telefonbuch von Hamburg hervor. Von Kiel bis Hamburg war es nur ein Katzensprung, und es wäre eine Gelegenheit, sie wiederzusehen.

Eine Sabine Kemper war nicht im Telefonbuch verzeichnet.

Jochen kniff die Lippen aufeinander. Er konnte unmöglich alle Kempers in Hamburg anrufen, um festzustellen, zu wem Sabine gehörte. Und - wahrscheinlich war sie ja verheiratet und stand deshalb nur unter dem Namen ihres Mannes im Telefonbuch.

Enttäuscht legte er das Telefonbuch wieder fort. Die gute Laune war mit einem Mal verflogen.

Das Mittagessen nahm Jochen wie immer bei Pedro, dem Mexikaner um die Ecke, ein. Auf dem Weg dorthin blieb er plötzlich stehen, denn direkt vor dem Polizeirevier stand der weiße Wagen. Jochen erkannte ihn sofort. Sabine Kemper war also noch in der Stadt. Sein Herz klopfte plötzlich schneller.

Ohne zu überlegen betrat er die Polizeistation. Die Polizisten kannten ihn und waren überrascht, als er in der Tür stand.

Sabine Kemper diskutierte heftig mit einem Polizisten. Ihr Gesicht war gerötet, aber das machte sie nur noch hübscher.

„Was ist denn passiert?“

Als sie seine Stimme hörte, drehte sie sich um und sah ihn überrascht, aber jetzt auch hoffnungsvoll an. „Sie sind es?“ Die weiteren Worte sprudelten nur so aus ihr heraus. Jochen konnte sie kaum bremsen. Er verstand nur, dass sie im Halteverbot geparkt hatte und nun nicht bezahlen wollte.

„Sie sind doch Anwalt, Jochen.“

„Staatsanwalt.“

„Das ist doch egal. Sie müssen mir helfen. Es waren nur fünf Minuten.“

„Die Zeit spielt keine Rolle“, sagte der Polizist. „Bezahlen oder Anzeige.“

Sabine sah Jochen verzweifelt an. „Was soll ich denn nur tun?“

„Tja, das ist schwer zu sagen. Am besten, Sie zahlen die Strafe.“

„Auf keinen Fall.“

„Dann bleibt uns nichts andere übrig.“ Jochen wandte sich an den Polizisten. „Stellen Sie ihren Führerschein vorläufig sicher.“

„Aber...“ Sie starrte ihn mit offenem Mund an. „Das können Sie doch nicht tun.“

Jochen grinste. „Es ist die einzige Möglichkeit, Sie hierzubehalten, Sabine. Oder gehen Sie jetzt freiwillig mit mir essen?“

Jetzt hatte sie seine Absicht erkannt. „Sie - Sie Schuft“, presste sie zwischen den Zähnen hervor, aber es klang gar nicht mehr ärgerlich.

Jochen hakte sie unter, und während er dem Polizisten ein Auge zukniff, zog er sie einfach hinaus.

„Wohin gehen wir?“

„Ich gehe mittags immer zu Pedro. Es ist ein einfaches, aber herrliches Lokal. Es wird Ihnen gefallen.“

„Bestimmt“, lächelte sie.

„Ach - übrigens...“ Er verharrte. „Ich habe im nächsten Monat in Kiel zu tun. Bis Hamburg ist es nicht weit. Oder... oder erwartet Sie jemand in Hamburg?“

Sie erwiderte seinen Blick und wusste, was seine unausgesprochene Frage bedeutete. „Nein, es wartet niemand auf mich. Und - ich freue mich, wenn du kommst, Jochen.“