Willkommen
bei meinen
Kurzkrimis

 

Home

 

 

 

 

Im Jahre 1974 begann ich, Kurzkrimis zu schreiben.

Einige Jahre später hatte ich das Glück, auf Textchefs zu stoßen, die meinen Kurzkrimis sehr wohlwollend gegenüber standen.

Inzwischen habe ich mehr als 400 Kurzkrimis in Zeitschriften veröffentlicht.

Zwei Kurzkrimisammlungen von jeweils 15 spannenden Kurzkrimis finden Sie in den Bänden "Schlangen für Claire" und "Der chinesische Dolch" . Zu beziehen als ebook bei www.amazon.de

 

 

Hier ein Beispiel:

     

NACH EIGENEN REGELN

 

Der Wirt der kleinen Gaststätte kam durch die Tür herein und schüttelte sich.

         „Scheußliches Wetter“, knurrte er zu Dustin Patterson. „Es regnet und friert gleichzeitig. Bleib noch etwas.“

         Patterson zögerte.

         „Was du ab jetzt verzehrst, geht auf Kosten des Hauses“, sagte der Wirt.

         Patterson kniff die Augen zusammen. So kannte er Robin McCorney gar nicht. Seit einiger Zeit war er alles andere als freundlich zu ihm gewesen. Aber vielleicht steckte doch noch ein guter Kern in dem alten Schotten, den es vor Jahren in diese einsame Gegend nach Tennessee verschlagen hatte.

         Dustin Patterson ließ sich jedenfalls nicht zweimal bitten, zumal ein Blick zum Fenster wirklich nichts Gutes draußen verhieß.

         Die Zeit verging, und ehe Dustin sich versah, war es dunkel geworden. Nun wurde es Zeit für ihn.

         „Tschüß dann“, sagte er und schwankte zur Tür. Teufel, da hatte er die Freigiebigkeit McCorneys doch wohl zu sehr ausgekostet.

         Die Lichter des kleinen Dorfes leuchteten in der Ferne. Die Straße lag einsam vor ihm, und Dustin fröstelte etwas, als er an den Heimweg dachte.

         Nach einigen Minuten erreichte er einen schmalen Weg, der seitwärts von der Straße abbog und am Fluß vorbei führte. Er stockte.

         Am Wegrand befand sich unter einem einzelnen Ahornbaum eine Bank. Und genau dort war es vor nunmehr fast drei Jahren passiert.

         Sein Bruder Conrad und er waren wie zu ihren Kinderzeiten im Übermut in die Baumkrone geklettert und hatten sich Geschichten erzählt. Zuerst war es nur ein allgemeines Geplänkel, bis Conrad von Tracy anfing. Tracy Benson war der Schwarm aller jungen Männer gewesen, und auch Dustin war in sie vernarrt. Aber sie wollte nichts von ihm wissen. Überhaupt wollte nie jemand was mit Dustin zu tun haben. Gut, er war jähzornig, manchmal sogar brutal seinen Mitmenschen gegenüber, aber zu Tracy war er immer höflich, fast schon galant gewesen. Irgendwann, so hatte Dustin gehofft, würde sie seine Liebe schon erwidern.

         Doch was er an diesem Abend in der Krone des Ahornbaumes verfuhr, verschlug ihm die Sprache.

         „Ich habe sie verführt“, prahlte Conrad. „Zweimal. Ich weiß, daß du hinter ihr her warst, aber ich war schneller. Und stell dir vor, Dustin, ich war ihr erster Mann...“

         Und dann hatte sich Conrad in allen Einzelheiten ausgelassen. Dustin aber bekam kaum ein Wort mit. Die Tatsache, daß sein kleiner Bruder wieder einmal das große Glückslos gezogen hatte, trieb ihm das Blut ins Gesicht. Dabei hätte er es eigentlich ahnen müssen, denn Conrad wurde schon immer bevorzugt, dabei nahm er es mit Treue und Kameradschaft nie so genau. Aber das glaubte niemand. Conrad bekam, was er wollte. Und ihr Vater hatte ihn in allem, was er tat, noch unterstützt.

         Je ausführlicher Conrad erzählte, desto mehr steigerte sich die Wut in Dustin auf, bis er mit beiden Händen einfach zustieß.

         Conrad war viel zu überrascht gewesen, hatte sich nicht mehr festhalten können, und war mit einem lauten Schrei vom Baum gestürzt.

         Er hatte noch gelebt, als Dustin bei ihm ankam.

         „Mein Gott, - was hast - du gemacht...?“ hatte Conrad gestöhnt.

         Dustin war wie von Sinnen davon gerannt und erst Tage später aus seinem Versteck zurückgekommen. Da sagte man ihm, daß Conrad gestorben und schon begraben war. Dustin hatte den Mord als Unglück dargestellt. Er sei völlig verzweifelt gewesen und käme deshalb erst jetzt zurück. Ob ihm geglaubt wurde, wußte Dustin nicht, aber man konnte ihm nicht das Gegenteil beweisen. Doch seitdem wurde er von dem Schotten Robin McCorney wie ein Aussätziger behandelt...

         Dustin schauderte, als er jetzt im Dunkeln den Ahornbaum passierte. Bisher hatte er stets darauf geachtet, daß es noch hell war, wenn er hier vorbei mußte.

         Im nächsten Moment fuhr er zusammen. Er kniff die Augen zusammen. Neben der Bank war ganz unvermittelt ein Mann aufgetaucht.

         Conrad...?

         Dustin schüttelte sich. Gaukelten ihm seine vom Alkohol benebelten Sinne etwas vor? Nein, das war tatsächlich Conrad. Und er trug doch dieselbe helle Jacke und Baseballmütze wie vor drei Jahren.

         Er war also gar nicht tot. Man hatte ihm damals was vorgemacht, und jetzt war sein Bruder zurückgekommen, um sich zu rächen.

         Dustin griff in seine Jackentasche. Der kühle Griff eines Pistolenknaufs gab ihm etwas Sicherheit zurück. Er trug diese Waffe immer bei sich und war jetzt froh darüber.

         Dustin ging näher. Unter dem Ahornbaum war es dunkler. Conrad war verschwunden.

         „Conrad...?“

         Dustin blieb stehen und lauschte. Aber nur das Rauschen des Flusses war zu vernehmen.

         Plötzlich knackte vor ihm ein Zweig, dann noch einer, ein dritter. Die Schritte entfernten sich. Conrad floh offenbar vor ihm, aber Dustin wußte, daß sein Bruder nicht entkommen konnte, denn in nur zwanzig Metern begann der Fluß, den man an dieser Stelle nicht überqueren konnte.

         Zum Glück für Dustin hatte der eisige Regen aufgehört. Dustin zog die Pistole heraus, beschleunigte seine Schritte und schob wütend ein paar Zweige zur Seite. Im nächsten Moment verlor er den Boden unter den Füßen.

         Dustin stieß einen erstickten Schrei aus. Seine Hände suchten verzweifelt nach einem Halt, aber da war nichts außer nasser, rutschender Erde. Wie ein dunkles Loch sah er den Fluß auf sich zukommen, dann tauchte er auch schon in die eisigen Fluten...

----

         Sie fanden ihn gegen neun Uhr am nächsten Morgen mehrere Meilen unterhalb der Unglücksstelle. Unter den vielen Schaulustigen befanden sich auch Ron McCorney und eine junge Frau.

         „Er hat seine gerechte Strafe erhalten“, sagte Ron leise, während er einen Arm um Tracy Bensons Schultern legte.

         „Aber vielleicht hätten wir doch zur Polizei gehen sollen“, warf sie ein.

         „Nein. Nur ich wußte, daß Dustin seinen Bruder ermordet hatte. Er hat es mir im Alkoholrausch mehrmals erzählt. Aber ein geschickter Rechtsanwalt hätte Dustins Gefasel als psychosomatische Störung aufgrund des Unfalls dargestellt. Er wäre frei geblieben.“

         Tracy nickte.

         „Dustin wußte nicht, daß der Regen die Uferbüschung weggeschwemmt hatte“, sprach Ron weiter. „Er glaubte, der Fluß sei noch weit entfernt. Aber er war bereit mich töten, Tracy, weil er mich für Conrad hielt. Er hatte seine Waffe schon gezückt.“

 

E N D E

 

 

© 2003- 2014 Phillip Kordes. Alle Rechte vorbehalten.