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»Dunkler Rauch am Horizont« ist das 1. Buch einer Trilogie. Es spielt in den Jahren 1864 – 1875.

 

Sauerland im Jahre 1864.

Benedikt Halbachs Eltern sind reiche Bauern. Als ältester Sohn soll er einmal den Hof übernehmen. Deshalb weist ihn sein Vater Robert früh in die Pflichten eines Großgrundbesitzers ein. Mit zwölf Jahren erfährt Benedikt, wie die Bauern mit den harten Gegebenheiten des Sauerlandes fertigwerden müssen. Nur die vermögendsten Landwirte können ein gutes Leben führen. Dennoch möchte Benedikt nicht Nachfolger seines Vaters werden. Benedikt hat andere Vorstellungen von seinem zukünftigen Leben. Er träumt von einer fernen, fremden Welt.

Aber es kommt völlig anders.

 

Zu beziehen als Taschenbuch im Buchhandel

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Leseprobe:

 

DUNKLER RAUCH AM HORIZONT

1

Die vier Glocken läuteten bereits seit fünf Minuten. Der durchdringende Klang blieb an den Mittelgebirgen hängen und schwang wie eine Woge zurück über den Ort Züschen, dessen Häuser in dem kleinen Tal des Hochsauerlandes lagen. Eine strahlende Sonne schien von einem blauen, fast wolkenlosen Himmel auf die Wiesen und Wälder. Es würde ein schöner Tag werden, warm und angenehm und nicht so schwül und drückend wie in der letzten Woche. Da hatte es fast jeden Tag ein kräftiges Gewitter gegeben mit dröhnendem Donner und grellen Blitzen, die in Bäume eingeschlagen waren, die so nahe an manchen Holzhäusern standen, dass man das Schlimmste befürchtet hatte.

Der Junge zog an der Hand der Frau. Er war elf Jahre alt und ungeduldig, wie Kinder in seinem Alter waren. Seine lange, schwarze Hose war frisch gebügelt, sein Hemd blühend weiß und seine dunkle Jacke zwar etwas groß, aber neu. Er hatte sie zum Geburtstag erhalten und heute zum ersten Mal angezogen. Die blonden, krausen Haare waren sorgfältig gekämmt und mit einem geraden Scheitel versehen.

»Nun sei doch nicht so eilig, Benedikt. Wir kommen noch früh genug zur Messe.«

Benedikt verlangsamte sofort seinen Schritt. Er warf einen raschen Blick in das Gesicht seiner Mutter. Elisabeth Halbach war eine eher klein geratene Erscheinung, aber sie war eine auffallend schöne Frau, wenn auch die Falten in ihrem aparten Gesicht ihr Alter von zweiundvierzig Jahren nicht verbergen konnten. Benedikt liebte seine Mutter über alles. Ihre Stimme war sanft und nie aufbrausend, ob sie lobte, tadelte oder ungehalten war.

Je näher sie der Kirche kamen, desto mehr Menschen strömten von allen Seiten auf das Gebäude zu. Elisabeth grüßte jeden, und auch Benedikt sagte hin und wieder artig »Guten Morgen«. Er kannte sie alle oder vielmehr: Alle kannten ihn.

Etwa drei Schritte vor ihnen ging sein Vater Robert. In dem schwarzen Gehrock, der gestreiften Hose und dem Zylinder auf dem Kopf sah er wie eine hohe Persönlichkeit aus. Er unterhielt sich angeregt mit einem etwas älteren Mann, der fast die gleiche Kleidung trug. Die beiden schienen ihre Umwelt vergessen zu haben, denn mit jedem
Schritt entfernten sie sich weiter von Benedikt und seiner Mutter.

Endlich drehte sich Robert um. Er blieb stehen und wartete, bis die beiden ihn erreicht hatten. Sein Gesicht, das etwas zu hohlwangig und zu oval war, wirkte verkniffen, seine ohnehin schmalen Lippen waren zu einem feinen Strich zusammengezogen. Die Augen unter den dicken, fast buschigen Augenbrauen blickten ernst und unruhig zugleich. Seine Miene drückte große Sorge aus, und sein Blick verweilte eine Zeit lang auf dem Bauch seiner Frau. Er reichte ihr seinen Arm.

»Danke.« Sie hakte sich bei ihm ein. »Es geht schon.«

Elisabeth war im neunten Monat schwanger. Es war für Robert eine große Überraschung gewesen, als sie ihm sagte, dass sie noch einmal ein Kind erwartete. In Elisabeths Alter war das mehr als ungewöhnlich, aber sie hatten sich schnell damit abgefunden. Inzwischen freuten sie sich auf ihr Kind. Es war das sechste, wenn man die Todgeburt nicht mitzählte. Robert hätte seiner Frau gerne verboten, in ihrem Zustand noch zur Kirche zu gehen, aber bei diesem Thema stieß er auf Granit. Elisabeth ging jeden Sonntag zur heiligen Messe.

Das Gotteshaus war wie immer zum Bersten voll. Vor sieben Jahren war die Kirche völlig renoviert worden, aber das machte den Innenraum auch nicht angenehmer. Das Mauerwerk wirkte nackt und strömte trotz des warmen Wetters ungemütliche Kälte aus.

In der Kirche saßen links die Frauen und rechts die Männer. Während die Frauen auch rechts Platz nehmen durften, war es den Männern verwehrt, sich auf die Seite der Frauen zu setzen. Es gab dafür kein Gesetz, es war einfach so üblich. Und jeder hielt sich daran. Seit Benedikt die heilige Kommunion empfangen hatte, gehörte er zu den Männern. Das machte ihn wie jeden Gleichaltrigen stolz, und so löste er sich von der Hand seiner Mutter, um rechts einen Platz zu suchen. Am Rand einer Bankreihe kniete er nieder, sprach kurz ein Vaterunser und machte das Kreuzzeichen. Am Tag zuvor hatte er gebeichtet. Er beichtete alle vier Wochen. Nicht weil er so oft gesündigt hatte, sondern weil jeder Katholik so handelte.

Mindestens einmal im Monat musste man zur Beichte gehen, hatte ihnen der Pastor im Kommunionunterricht eingetrichtert, und manch einer saß sogar jeden Samstag im Beichtstuhl. Benedikt fragte sich immer wieder, was die Person wohl zu beichten hatte.

Er selbst wusste gar nicht mehr, was er dem Pastor alles sagen sollte. Deshalb hatte er sich einen Zettel zurecht geschrieben, der in seinem Nachttisch lag und den er immer dann zur Hand nahm, wenn seine Mutter ihn an seine Pflicht erinnerte. Auf dem Zettel standen etwa fünf bis sieben Sünden, die er im Beichtstuhl mit flüsternder Stimme erzählte. Manchmal strich er in Gedanken einen mutmaßlichen Fehltritt, dann fügte er wieder einen anderen hinzu. Und das nur, um dem Pastor einen Gefallen zu tun. Benedikt hatte nämlich von Matthäus, seinem besten Freund gehört, dass der Pastor ihn einmal arg ausgeschimpft hatte, weil Matthäus nur zwei winzige Vergehen gebeichtet hatte. Seitdem blieb Benedikt bei fünf bis sieben sogenannten »Missetaten«.

Aber Benedikt war sich sicher, nicht zu sündigen. Nun ja, manchmal gab es zwar Streit zwischen ihm und Bruno Seibert, aber musste man das denn wirklich beichten? Er war überzeugt, dass Bruno dem Pastor davon nichts sagte.

Er zuckte ein wenig zusammen, als das Orgelspiel begann und hob den Kopf, um über die anderen Menschen nach vorne zu blicken. In den vorderen Bänken zappelten die jüngeren Kinder, die im nächsten Jahr zu Ostern die heilige Kommunion empfangen sollten.

Benedikt sah verstohlen nach links zu den Frauen. Zwischen seinen Schwestern Magdalena und Helene entdeckte er seine Mutter, und zwei Bänke davor hockte seine dritte Schwester Eva. Er atmete erleichtert auf. Alle drei Mädchen waren älter als er und konnten ein wachsames Auge auf seine Mutter halten.

Die Menschen strömten an der Wandseite entlang weiter nach vorn, einige ließ Benedikt in die Bank an sich vorbei. Er wollte außen sitzen, dort saß er am Liebsten, denn dann hatte er einen Nebenmann weniger. Plötzlich drückte jemand gegen seine Schulter. Benedikt schaute zur Seite und erschrak. Bruno Seibert grinste, wobei er eine Reihe gelber Zähne entblößte.

»Nun rück ein Stück!«, fuhr Bruno ihn an.

Benedikt rührte sich keinen Zentimeter. Er wollte nicht über eine Stunde neben jemandem sitzen, der sich nur selten wusch und sich auch sonst nicht viel aus dem Gottesdienst machte. Im Gang neben Bruno stand dessen Mutter. Hermine Seibert hatte ihren Sohn ganz offenbar zur Messe gezwungen.

»Lass deine Mutter sitzen«, zischte Benedikt. »Dann rutsche ich.«

Aber Bruno dachte gar nicht daran. Er schob rücksichtslos gegen Benedikts Schultern, sodass dieser automatisch zur Seite rücken musste. Aus den Augenwinkeln bemerkte Benedikt ein frisches Hemd bei Bruno, und auch seine Haare waren frisiert. Ganz offensichtlich hatte seine Mutter dafür gesorgt, dass Bruno einigermaßen ordentlich in die Kirche ging. In der Schule war das häufig anders. Da kam es vor, dass noch etwas Marmelade vom Frühstück in seinem Mundwinkel klebte, und dass seine Haare wirr um den breiten Kopf lagen. Benedikt hatte sich bereits gleich zu Anfang einen Platz ausgesucht, der weit entfernt von Bruno lag. So vermied er die Nähe zu diesem Jungen. Und jetzt saß er ausgerechnet neben ihm.

»Dominus vobiscum!«

»Et cum spiritu tuo!«

Der Pastor hatte die Messe eingeleitet.

Um sich abzulenken, folgte Benedikt angestrengt dem Gottesdienst. Aber es fiel ihm schwer, denn Bruno knirschte andauernd mit den Zähnen oder wackelte unruhig in der Bank herum. Dabei machten ihm auch die missbilligenden Blicke der anderen Gläubigen nichts aus.

Benedikt schaute wieder zur Frauenseite hinüber. Seine Mutter hatte sich hingesetzt. Trotz der Entfernung konnte er ihr blasses Gesicht erkennen.

»Deiner Mutter geht´s wohl nicht gut, was?«, feixte Bruno mit leiser Stimme.

»Halt dein Maul. Sie kriegt einen Jungen«, zischte Benedikt ebenso leise zurück.

»Jungen? Niemand kann wissen, ob es ein Mädchen oder ein Junge wird. Du kannst meine Mutter ja mal fragen, ob das möglich ist. Da staunst du, was?«

Die Tatsache, dass er einmal mehr wusste als Benedikt, zeigte Bruno deutlich mit einem spöttischen Grinsen im Gesicht. »Ich kann dir noch viel mehr erzählen. Ich -«

Der Junge erhielt unverhofft einen Stoß von seiner Mutter, und schlagartig wurde er still.

Benedikt atmete auf. Wie die Erwachsenen, so plapperte auch er gehorsam die lateinischen Verse nach, die kaum einer verstand und
dennoch jeden Sonntag brav aufgesagt wurden. Das Evangelium war heute kürzer als sonst, was alle verwunderte, und schon kurz darauf betrat der Pastor die Kanzel.

»In nomine Patris et Filii, et Spiritus Sancti.«

»Amen«, antwortete die Gemeinde.

Hermine Seibert zog Bruno aus der Bank und setzte sich an seine Stelle. Benedikt sah sie an. Wieder wunderte er sich, dass ihr Gesicht aussah, als wäre sie über fünfzig, dabei war sie nicht älter als fünfunddreißig. Aber es ist beruhigend zu wissen, dass sie hier ist, dachte Benedikt. Hermine Seibert war die Hebamme. Sie wohnte mit ihrem Mann Lorenz und ihrem Sohn Bruno im Oberdorf in einem alten Haus, das ihr einmal die Bewohner aus Dankbarkeit geschenkt hatten, weil Hermine immer dann zur Stelle war, wenn sie gebraucht wurde. Der nächste Arzt wohnte zwar nur sieben Kilometer entfernt in Winterberg, aber selbst mit einem schnellen Pferdewagen benötigte man über eine Stunde hin und zurück. Benedikt suchte ihren Blick, aber sie sah stur hinauf zur Kanzel.

Pastor Huhnold war ein ernster Mann von Ende sechzig mit schütterem Haar, gedrungener Gestalt und einem Gesicht, in dem man Güte von Strenge nicht unterscheiden konnte. Nun würde er mit seiner langweiligen und langatmigen Predigt anfangen.

»Ich werde heute ein Edikt unseres Heiligen Vaters, Papst Pius IX, vortragen«, sagte der Pastor zur allgemeinen Verwunderung.

Papier raschelte auf der Kanzel.

»Der Heilige Vater hat auf den Syballus Errorum reagiert und die Thesen als falsch verurteilt. Heute, im September im Jahr des Herrn 1864 hat der Heilige Vater auf die schwerwiegenden Irrtümer des Syballus Errorum wie folgt reagiert ...«

Benedikt hatte keine Ahnung, was der Syballus war. Auch wusste er nicht, was das Wort Thesen bedeutete, und so verfiel er wie fast immer bei einer Predigt in eine Phase leichten Dämmerzustandes. Die sonore Stimme des Pastors eignete sich gut, um einzuschlafen. Die Augenlider wurden ihm schwer, und kurz darauf hörte er hinter sich jemanden schnarchen. Nicht nur ihn hatte es also erwischt.


 

 

© Phillip Kordes
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