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Leseprobe »MORD IN ACHT TAGEN« |
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Prolog
Sie hatten sich für einen Opel Vectra
entschieden. Schmutziggrau. Das würde am wenigsten auffallen.
Seit zwei Tagen regnete es, genauer gesagt,
seit den frühen Morgenstunden des Samstags. Dunkle, tiefe Wolken zogen das
ganze Wochenende über den kleinen Ort im Hochsauerland. Der Regen war teilweise
so dicht gewesen, dass man kaum mehr als dreißig Meter weit sehen konnte. Jetzt
hatte er endlich nachgelassen.
Die beiden Männer in dem
schmutziggrauen Vectra beeilten sich. Für ihr Vorhaben war dieses trübe Wetter
genau richtig. Wenn erst der angekündigte Wetterumschwung eintrat, mit
Temperaturen bis zu dreißig Grad, wäre ihr Vorhaben gescheitert. Die
Dunstschleier wurden bereits dünner, und bald würde die Sonne Sieger bleiben.
Ihr gelber Ball ließ sich bereits zwischen den Nebelwolken ausmachen.
Die Männer sprachen kein Wort. Der
Fahrer war ein blasser, schmächtiger Typ mit einer Baseballkappe, die ihm tief
im Gesicht hing. Seine knochigen Finger umschlossen das Lenkrad so fest, dass
die Kuppen weiß hervor traten. Seine Wangenknochen mahlten unaufhörlich
aufeinander. Der Beifahrer war größer, schlank und wirkte neben dem blassen
Fahrer durchtrainiert. Er hatte einen schmalen Mund und glatte, mit viel Gel
gestylte Haare. Fast gleichgültig sah er nach draußen, dabei war er hellwach
und angespannt.
Er warf einen kurzen Blick zu seinem
Fahrer.
»Alles in Ordnung?«
Der Blasse nickte stumm und schaltete
einen Gang herunter. Er kannte den Wagen nicht. Er hatte den Vectra vom
Parkplatz eines großen Firmengeländes in Winterberg gestohlen. In der
Kleinstadt im Hochsauerland gab es kaum Autodiebstähle. Deshalb musste er den
Wagen noch vor Büroschluss wieder zurückstellen, um nur ja kein Aufsehen zu
erregen. Sie hatten also keine Zeit zu verlieren.
Sie fuhren an der Kirche vorbei. Der
Beifahrer drehte den Kopf und sah am Turm empor. Vielleicht ragt die Spitze
sogar aus dem Dunstschleier heraus, dachte er für einen Moment.
Sie passierten den Friedhof, den sie
mehr erahnen als sehen konnten, und erreichten ein Haus, dessen Umrisse sich
schemenhaft aus dem Nebel schälten.
Es war die Grundschule. An diesem
Montagnachmittag, dem 12. Mai, lag sie wie ausgestorben vor ihnen. Sie wussten,
dass sich nachmittags nur selten jemand in oder um die Grundschule herum
aufhielt.
Der Fahrer lenkte den Vectra an den
äußersten Rand des Schulhofes und hielt an. Die Männer sahen hinaus.
Auf dem Schulhof standen drei Busse.
Sie gehörten zu dem Hotel, das etwa hundert Meter entfernt stand. Es mochten
auch zweihundert Meter sein, so genau war das im Dunst nicht auszumachen. Sie
hatten aber keinen besseren Platz finden können als den Schulhof. Der einzige
Unsicherheitsfaktor war, ob sich in der nächsten Viertelstunde jemand vom Hotel
an den Bussen zu schaffen machte.
Fünfzehn Minuten!
Viel länger hatten sie nicht
einkalkuliert.
Sie stiegen aus, verriegelten aber den
Wagen nicht. Vielleicht würde es nötig sein, schnell wieder zu verschwinden.
Der schlanke Beifahrer ging einen Schritt voraus. Die
Hierarchie war eindeutig. Er bestimmte, was getan wurde. Jetzt sah man, dass er
fast einen Kopf größer als der Fahrer war.
Das Haus mit der Nummer hundertsiebzehn
war ein Bungalow. Von irgendwo her ertönte das Knacken eines schweren Motors.
Einen Augenblick blieb der Schlanke stehen und lauschte, dann zuckte er die
Schultern, fuhr sich mit dem Handrücken noch einmal über den Mund und läutete.
Es dauerte nicht lange, bis die Tür des
Bungalows sich öffnete. Eine Frau stand vor ihnen. Der Schlanke war wieder
überrascht, wie apart sie wirkte. Die Frau reichte ihm bis zu den Schultern,
trug eine dreiviertellange dunkelblaue Hose und eine helle Bluse. Das Gesicht
war leicht geschminkt, das brünette Haar frisch frisiert.
Ihre Miene entspannte sich, als sie ihn
erkannte. »Ja, bitte?«
»Guten Tag«, sagte der Schlanke
freundlich. »Wir haben eine Nachricht von Ihrem Mann erhalten. Er sagte, dass
er wichtige Unterlagen vergessen habe. Sie lägen hier im Schreibtisch in seinem
Arbeitszimmer.«
»Wichtige Unterlagen? In seinem
Schreibtisch? Hat er erwähnt, worum es sich handelt?«
Der Schlanke schüttelte den Kopf. »Er
sprach von einem hellblauen Ordner, mehr eine Kladde.«
Ihre Reaktion zeigte ihm, dass sie so
etwas schon mal gesehen hatte.
»Warten Sie bitte hier«, sagte sie. »Ich
sehe nach.«
Sie wollte die Tür schließen, aber der
blasse Mann mit der Baseballkappe machte eine scheinbar zufällige
Körperbewegung zu seinem Partner hin, so dass die Tür von seiner Schulter
aufgehalten wurde und nicht ins Schloss fallen konnte. Er schob den Schirm
seiner Kappe in den Nacken.
Direkt vor ihnen führten zwei Stufen in
ein großes Wohnzimmer mit einem Eckfenster, das fast die gesamten zwei
Wandbreiten einnahm und von der Decke bis zum Boden reichte. Eine Tür zweigte
vom Wohnzimmer ab. Dort musste sich das Arbeitszimmer befinden, denn die Frau
verschwand darin.
Der Schlanke strich sich wieder über den
Mund und warf seinem blassen Begleiter einen zufriedenen Blick zu. Bisher
klappte alles wie geplant.
Nach knapp drei Minuten kam die Frau
zurück. Es fiel ihr nicht auf, dass die beiden Männer nun in der Mitte des
Wohnzimmers standen. Sie war mit ihren Gedanken beschäftigt, weil sie die blaue
Kladde nicht gefunden hatte und bemerkte den Gegenstand nicht, den der blasse
Mann mit der Baseballkappe in der rechten Hand hielt.
»Ich kann die Kladde nicht finden«,
sagte sie. »Ich...«
Erst da erkannte sie offenbar, dass der
Mann mit einer Pistole direkt auf sie zielte.
Der Schlanke sah das Erschrecken in
ihren Augen. Schieß doch endlich, flehte er seinen Begleiter stumm an. Er hörte
das dumpfe »Plopp« des Schalldämpfers, als sein
Partner abdrückte, sah den dunklen Fleck auf der Brust der Frau, der immer
größer wurde und ihre Hände, die sie in Panik nach ihm ausstreckte. Schnell
trat er zurück. Die Frau machte noch einen Schritt auf ihn zu, dann knickten
ihre Füße ein. Sie verfehlte die Tischkante, ihre Hand griff ins Leere und wie
in Zeitlupe sank sie zu Boden.
Für Sekunden war es totenstill.
Der Schlanke spitzte die Ohren, weil er
glaubte, ein Geräusch in der Nähe vernommen zu haben. Aber da war nichts, nur
der Motorenlärm von vorhin war lauter geworden.
»Müllabfuhr?«,
fragte der Schlanke mit gedämpfter Stimme, obwohl sie niemand hören konnte.
»Ja.« Der Fahrer steckte die Pistole
ein. »Lass uns abhauen.«
Sie warfen noch einen kurzen Blick auf
die tote Frau, dann verließen sie das Haus. So unauffällig wie sie gekommen
waren, erreichten sie ihren Wagen wieder. Diesmal verzichteten sie darauf, die
Scheinwerfer einzuschalten, was ihnen fast zum Verhängnis wurde. Als sie die
Kirche passierten, kam ihnen ein Fahrzeug entgegen. Der Fahrer sah sie erst im
letzten Moment und konnte gerade noch seinen Wagen von der Mitte der Fahrbahn
nach außen reißen.
»Das war knapp«, knurrte der Blasse mit
der Baseballkappe nach einem raschen Blick in den Rückspiegel.
»Hat er uns erkannt?«,
fragte sein Beifahrer.
»Glaube ich nicht. Nein, ich bin ganz
sicher. Der hatte genug mit seinem Wagen zu tun.«
Wenig später hatten sie die Hauptstraße
des kleinen Dorfes Züschen erreicht und fädelten sich
in den laufenden Verkehr ein. Erst am Dorfausgang musste der Fahrer die
Scheinwerfer einschalten, weil an dieser tiefer gelegenen Stelle noch dicker
Nebel herrschte.
Der Beifahrer sah auf die Uhr. Seitdem
sein Begleiter den Vectra gestohlen hatte, waren genau zweiunddreißig Minuten
vergangen.
1
Ich hatte Gabi eine Ewigkeit weder
gesehen noch gesprochen, aber ich erinnerte mich noch sehr genau an sie. Mit
Gabi verband mich eine besondere Freundschaft. Als Schüler »gingen« wir einige
Zeit lang zusammen, hielten verschämt und unauffällig Händchen, weil unsere
Eltern es nicht merken sollten. An Küsse oder Knutschen verschwendeten wir noch
keinen Gedanken. Schon das Berühren der Hände galt im streng katholischen
Hochsauerland als etwas »Verbotenes«. Der Pastor und viele Lehrer achteten
darauf, dass Jungen und Mädchen getrennt erzogen wurden. Später verloren Gabi
und ich uns leider aus den Augen.
Ihr Anruf kam deshalb für mich völlig
überraschend. Ich war gerade dabei, meinen Wagen zu waschen, eine Arbeit, die
ich hasste, die aber nach langer Zeit wieder einmal nötig war. Da meine Frau
nicht im Haus war, hatte ich den schnurlosen Hörer auf dem Beifahrersitz
liegen.
»Hallo Johannes, hier ist Gabi, Gabi Rensenbrink.«
Ich hätte ihre Stimme fast nicht
erkannt. Sie klang kraftlos, irgendwie gebrochen.
Sie war eine geborene Renshoff und hatte einen Rensenbrink
geheiratet. Über die Namensähnlichkeit haben wir oft genug Witze gemacht.
»Mensch Gabi, wie lange haben wir uns
nicht gesehen?«
»Sieben Jahre«, sagte sie leise.
»So lange?«
»Wir hatten damals unser Klassentreffen.«
Jetzt fiel es mir wieder ein. Wir waren
fünfundvierzig. Normalerweise fand unser Klassentreffen alle zehn Jahre zu
unseren runden Geburtstagen statt, aber aus irgendeinem Grund war es zum
Vierzigsten versäumt worden.
»Zum Fünfzigsten vor zwei Jahren warst
du nicht da«, sagte sie mit leichtem Bedauern.
»Ich war beruflich verhindert.«
Ich setzte mich auf die Rasenkante
neben meinen Wagen. Die nächsten Minuten vergingen mit allgemeinen Fragen wie »Wie
geht es dir?« »Was macht deine Familie?«, dann kam sie jedoch schnell auf den Punkt: »Johannes,
warum ich dich anrufe. Es geht um Thomas Bodeck. Seine Frau wurde ermordet.«
Thomas Bodeck hatte in der Schule neben
mir gesessen. Wir waren nicht die besten Freunde gewesen, und auch seine Frau
kannte ich kaum. Dennoch verschlug mir die Nachricht von ihrem Tod für ein paar
Augenblicke die Sprache.
»Sie ist erschossen worden«, sprach
Gabi weiter. »Hast du nichts davon gehört?«
»Nein.«
»Ich dachte, alle Polizeistationen
würden bei Mord benachrichtigt.«
»Ich bin nicht mehr bei der Kripo. Ich
bin im Ruhestand.«
»Was?« Ich konnte ihr Erstaunen
förmlich sehen. »Du bist doch noch gar nicht so alt.«
»Es war ein Dienstunfall«, erklärte
ich.
»Was ist passiert? Angeschossen?«
Das war immer die häufigste Annahme.
Wenn schon, dann musste ein Kriminalkommissar mindestens angeschossen worden
sein, um aus dem Dienst zu scheiden.
»Verkehrsunfall. Wir waren auf dem Weg
zu einem Tatort, als uns ein Lastwagen die Vorfahrt nahm.«
»Habt ihr denn kein Martinshorn
angehabt?«
»Wir hatten es nicht eilig. Die
Kollegen hatten bereits alles abgesichert. Wir fuhren vorschriftsmäßig fünfzig,
als der LKW auf einer abschüssigen Straße auf uns zukam. Ich saß auf dem
Beifahrersitz. Du weißt ja, Beifahrer sind am meisten gefährdet.«
»Das stimmt.«
»Ich kam erst im Krankenhaus wieder zu
mir. Knochenbrüche, Quetschungen und auf einem Ohr bin ich fast taub. Hinzu
kamen traumatische Störungen. All das reichte dem Amtsarzt, um mich vorzeitig
in Pension zu schicken.«
»Das tut mir Leid«, sagte sie leise.
Darauf blieb es eine Weile still am anderen Ende.
Ich hatte das Gefühl, sie würde gleich
wieder auflegen und fragte schnell: »Hast du nur angerufen, um mir von dem Mord
zu erzählen?«
»Ja. Ich dachte, du könntest den Fall
übernehmen.«
»Da bist du im Irrtum. Meine
Dienststelle hätte damit gar nichts zu tun. Für das Hochsauerland ist Dortmund
zuständig.«
Wäre ich noch im Dienst gewesen, hätte
ich vielleicht von dem Mord gehört, so aber war die Nachricht trotz der recht
guten Verbindungen zu meiner alten Dienststelle nicht bis zu mir
durchgedrungen. Ich hatte mir seit meiner Pensionierung fest vorgenommen, mich
nie in die Angelegenheiten von Kollegen einzumischen. Aber der Beruf lässt
einen niemals los. Jetzt hatte er mich wieder eingeholt. Ich spürte, dass Gabi an
meiner Hilfe sehr gelegen war.
»Seit der Pensionierung habe ich viel
Zeit. Wenn du willst, komme ich nach Winterberg. Für ein paar Tage kann ich
mich losreißen.«
»Das würdest du tun?«,
kam es hoffnungsvoll zurück.
»Ich kann doch meine beste Schulfreundin
nicht im Stich lassen.«
Es sollte ein Scherz sein, aber sie
ging nicht darauf ein. »Wann kannst du hier sein?«
Ich überlegte kurz. »In zwei Tagen.
Also, wenn es dir recht ist, bin ich Montag bei dir.«
»Es ist mir sehr recht.«
Ich wollte endlich wieder mal raus aus
dem Trott, dem langweiligen Alltag. Nur Inge, meine Frau, hielt mir vor, dass
ich froh sei, von ihr weg zu kommen. Überhaupt war sie in letzter Zeit sehr
streitsüchtig. »Du zappst nur durch die Kanäle und
lässt den Tag nutzlos verstreichen«, oder »Den ganzen Tag löst du Rätsel« und »Wann
reparierst du endlich mal den Rasenmäher« waren noch die harmlosesten Vorwürfe.
Das kam so häufig vor, dass ich mich schon fragte, ob unsere Ehe am Ende war.
Bis mir klar wurde, dass es eine andere Ursache hatte.
Es war ihre Mutter. So ist das in Ehen.
Entweder gab es Streit wegen der Kinder oder der Eltern.
Das Verhältnis zu meiner
Schwiegermutter war bisher recht gut gewesen, nur dass meine Schwiegermutter in
letzter Zeit immer mehr an uns – und gerade an mir – etwas
auszusetzen hatte. Inges Mutter wohnte in der Nachbarstadt und war seit zwei
Jahren Witwe. Es ging ihr gut bis auf die üblichen Alterskrankheiten. Aber die
nahm ich in ihren Augen natürlich nicht ernst genug. Ich würde mich lustig über
sie machen, warf sie mir vor. Erst als ich aus Gesundheitsgründen in Pension
ging, wurden ihre Vorwürfe seltener. Aber nur für kurze Zeit, dann ging die
alte Leier wieder los, und ich konnte leider ihr gegenüber nur selten den Mund
halten.
Unter dieser verzwickten Situation litt
Inge. Sie hielt zwar zu mir, aber immer, wenn sie bei ihrer Mutter gewesen war,
kam sie schlecht gelaunt zurück. Ich vermutete, dass sie Angst hatte, von ihrer
Mutter völlig ausgenutzt zu werden, wenn ich sie allein ließ.
Jan und Christin, unsere Kinder, waren
bereits selbständig. Jan war zwanzig und studierte Medizin, Christin hatte
gerade das Abi gemacht und suchte noch nach dem richtigen Beruf. Vielleicht
wollte sie Jura studieren. Beide kamen sowieso selten nach Hause, außer wenn
sie Geld brauchten.
Ich brach am Montagmorgen auf, nach
einer Nacht, in der ich kaum geschlafen hatte. Was erwartete mich in meiner
alten Heimat, die ich lange nicht mehr gesehen hatte? Wie würde das Wiedersehen
mit den alten Schulfreunden sein, mit dem Haus meiner Eltern, mit ihrem Grab?
Welche Gefühle würden wieder wach werden? All das war mir durch den Kopf
gegangen und irgendwann, fast schon im Morgengrauen, musste ich eingenickt
sein.
Zum ersten Mal kam mir der Gedanke,
dass es vielleicht besser gewesen wäre, zu Hause zu bleiben, als ich die
Autobahn bei Wünnenberg-Haaren verließ. Ich spürte ein bisschen Unbehagen bei
dem Gedanken, in meiner alten Heimat in einem Mordfall zu recherchieren. Aber
da war ich schon seit über einer Stunde unterwegs, hatte also schon die Hälfte
meines Weges hinter mir.
Das Hemd klebte mir am Rücken. Die
Klimaanlage meines Wagens schaffte es nicht, eine angenehme Temperatur zu
halten. Am Dienstag letzter Woche hatte die große Hitze begonnen und seitdem
war es in ganz Deutschland unerträglich heiß. Und es sollte so bleiben. Nur
mein Nachbar in Bielefeld glaubte nicht daran, dass eine Schönwetterperiode mit
fast wolkenlosem Himmel lange über Deutschland liegen würde. Er muss es wissen,
dachte ich ironisch, mit fast achtzig Jahren.
Im Autoradio spielten sie »Mit 66
Jahren, da fängt das Leben an«. Ich summte mit und war froh, dass ich vierzehn
Jahre jünger war, aber das besserte meine Stimmung nur unwesentlich.
Als das Lied zu Ende war, schaltete ich
um auf den Lokalsender des Hochsauerlandes.
Der Mord an Ruth Bodeck stand im
Mittelpunkt der Nachrichten, aber es waren wie immer nur allgemeine
Informationen, die mit der überaus wichtigen Frage schlossen, wann die Polizei
endlich konkrete Spuren vorweisen könnte.
Die Strecke führte über Scharfenberg
und Altenbüren nach Olsberg. Das erste Hinweisschild
nach Winterberg im Hochsauerland tauchte auf. Noch sechsundzwanzig Kilometer.
Die Straße war gut ausgebaut. Zu beiden Seiten standen jetzt Buchenwälder,
deren Äste teilweise über den Rand bis auf die Straße ragten, ohne jedoch eine
Gefahr für die Autofahrer zu sein. Ich kannte die Strecke blind, obwohl ich
lange nicht hier gewesen war.
Bei den Wetteraussichten befand ich
mich noch zwanzig Minuten von meinem Ziel Winterberg entfernt.
»Die Aussichten für die nächsten Tage
bleiben unverändert«, meinte der Nachrichtensprecher. »Heiß, mit Temperaturen
bis zu fünfunddreißig Grad, im Hochsauerland bis achtundzwanzig. Übermorgen ist
mit einigen Wärmegewittern zu rechnen, die vorübergehend ein wenig kühlere Luft
mit sich bringen.«
Mir sollte es recht sein. Ich liebte
zwar die Sonne, aber diese Hitze nicht. Da machten sich die sieben Grad
Unterschied zwischen Bielefeld und Winterberg bereits angenehm bemerkbar.
Hinter Olsberg wurden die Berge zu
beiden Seiten höher, die Wälder waren dunkel und wirkten sehr gesund. Das
Hochsauerland rückte näher. Ein melancholisches Gefühl befiel mich, vermischt
mit Heimweh nach dieser Gegend. Ich hatte sie mehr vermisst, als ich zugeben wollte.
Wieder tauchte ein Schild auf. Noch sieben Kilometer.
Hier hat sich seit meinem letzten
Besuch viel geändert, dachte ich, als ich das Ortseingangsschild passierte.
Parkplätze waren entstanden, Einbahn- und Umgehungsstraßen gab es in alle
Richtungen und das Zentrum bestand nur noch aus Fußgängerwegen. Unter der Stadt
hatte man bereits vor über zwanzig Jahren einen Straßentunnel gebaut, so dass
der Durchgangsverkehr reibungslos fließen konnte.
Warum hatten wir nicht mal hier Urlaub
gemacht? Aber anstatt hierher zu fahren, woran wir beide – Inge und ich
– aus den ersten Jahren unserer Ehe schöne Erinnerungen hatten, fuhren
wir in den Schwarzwald. Es war, als hätten wir einen großen Bogen um meine alte
Heimat gemacht.